Aufrollung der Herkulanischen Papyri

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Die Versuche vor Antonio Piaggio (1752-1753)

Die ersten Aufrollversuche (1752-1753) der herkulanischen Papyri waren erfolglos und vernichteten unzählige Papyri. Sie wurden neben Camillo Paderni von verschiedenen Gelehrten durchgeführt.

Öffnungsverfahren Camillo Padernis

Scorzatura totale

Camillo Paderni experimentierte wegen seiner Anstellung als Kustos im Museum in Portici und als Verantwortlicher für die neu entdeckten Papyri als erster mit diesen. Doch ging er bald dazu über, die Papyri kurzerhand mit dem Messer zu öffnen. Er schnitt die Rollen längs durch, so dass er zwei Halbzylinder erhielt. Deren Schichten begann er sukzessive abzukratzen, bis der Durchmesser der Rolle zunahm und er auf größere Textpassagen stieß, die er transkribieren konnte; Delattre (2006) 30f. Das Innere der Rollen, das beispielsweise Angaben zu Autor und Werk enthielt und durch seine geschützte Lage besser erhalten war, musste Paderni komplett zerstören, da es durch die enge Wickelung nur wenige Buchstaben enthielt; Sider (2005) 48. Vom äußeren Teil der Papyri konnte Paderni zwar kleine Partien lesbar machen, doch waren sie vollkommen aus ihrem Zusammenhang gerissen. Zudem führte seine scorzatura totale zur völligen Vernichtung der Rollen, bei der nur die äußerste Rindenschale (scorza) erhalten blieb - und das bei den besten Stücken, da Paderni laut Piaggio für sein "Gemetzel" mit den "armen" Papyri ausschließlich solche gewählt habe; Bassi (1907) 639; 671f. Das Öffnungsverfahren Padernis wurde trotz seiner zerstörerischen Wirkung in den folgenden Jahren weiterhin angewandt.

Scorzatura partiale

In späterer Zeit wurde das Vorgehen Padernis mit dem neuen Verfahren Antonio Piaggios (s.u.) kombiniert. Die Kombination der beiden Methoden geschah mittels einer scorzatura partiale. Bei dieser wurde die Rolle nicht in ihrer Länge komplett durchgeschnitten, sondern von zwei gegenüberliegenden Stellen nur etwa 1-2 cm tief eingeschnitten, so dass der innere Teil der Rolle (midollo) nicht zerstört wurde; Delattre (2006) 30. Dieses Herzstück war durch seine geschützte Lage generell weniger von den äußeren Schäden in Mitleidenschaft gezogen und konnte leichter mit der Macchina Piaggios aufgerollt werden. Die beiden äußeren Halbzylinder hingegen wurden bei der scorzatura partiale mit weniger Verlusten als bei der scorzatura totale entziffert, da selbst ihre oberste Schicht genügend Buchstaben für eine Transkription enthielt; Sider (2006) 49f.

Weitere Aufrollversuche

Verschiedene Gelehrte

In der Hoffnung ein effizienteres und schonenderes Öffnungsverfahren als die scorzatura totale Padernis zu finden, rief König Karl VII verschiedene Gelehrte und Forscher nach Neapel. Um die Zerbrechlichkeit der herkulanischen Papyri zu vermindern, haben diese mit verschiedenen Flüssigkeiten wie Alkohol, Lösungsmittel, stärkenden oder glutenhaltigen Substanzen experimentiert und die Papyri in diese getaucht, mit diesen übergossen, bestrichen oder umwickelt. Keines dieser Experimente war erfolgreich; sie führten zur Zerstörung oder sogar Pulverisierung unzähliger weiterer Papyri; Bassi (1907) 680f.

Fürst Raimondo di Sangro

Der Fürst Raimondo di Sangro hantierte mit flüssigem Quecksilber und einem etwa handhohen, mit einer Pechschicht ausgekleideten Kasten, den er eigens für seine Papyrusaufrollung angefertigt hatte. Vollkommen überzeugt, dass das Quecksilber, wenn es zwischen den einzelnen Papyrusschichten hindurchfließt, diese sauber voneinander zu lösen vermöge, stellte er einen Papyrus in seinen Kasten und übergoss ihn mit jener Substanz. Doch anstatt den Papyrus zu öffnen ließ die Dichte des Quecksilbers diesen zu Staub zerfallen. Nach seinem ersten Misserfolg positionierte der Fürst erneut einen Papyrus im Kasten und ließ ihn mehrere Tage in einem Quecksilberbad stehen; auch dies führte zu dessen Zerstörung. Das gleiche Resultat zeigte der dritte und letzte Anlauf des Fürsten, bei dem er einen aufgehängten Papyrus mit Quecksilberdampf behandelte; Bassi (1907) 676-679.

Die Tätigkeit Antonio Piaggios (1753-1796)

Nach all den erfolglosen Aufrollversuchen, die unzählige Papyri vernichtet hatten, wurden kritische Stimmen aus ganz Europa laut. Deshalb wandte sich König Karl VII schließlich an Giuseppe Simone Assemani, den Leiter der Vatikanischen Bibliothek, der ihm im Jahre 1753 Antonio Piaggio, einen erfahrenen Konservator, nach Neapel schickte.

Erfindung der Macchina (1753)

Bei seiner Arbeit mit den Papyri ging Piaggio viel vorsichtiger und raffinierter als Camillo Paderni vor und konnte bereits wenig später erste Erfolge erzielen, die noch 1753 in der Erfindung seiner Macchina kulminierten. Diese Apparatur, die beinahe unverändert bis zu Beginn des 20. Jh. in Gebrauch war (Capasso (1991) 93), ermöglichte es, die zumindest besser erhaltenen Papyrusrollen bzw. ihr midollo (s. scorzatura partiale) sukzessive aufzuwickeln. Die Funktionsweise der Macchina, von der noch heute Exemplare im Nationalmuseum in Neapel zu sehen sind, wurde erstmals von Winckelmann beschrieben; Winckelmann (1762) 86-89. Die Papyrusrollen wurden auf eine Vorrichtung gelegt und an ihren Außenseiten feine, robuste Streifen von Goldschlägerhaut angeklebt. Die Streifen wiederum waren mit ihrem anderen Ende an einer Art Seilzug montiert. Mit diesem wurden die Rollen dann im Zeitlupentempo (nur wenige Millimeter pro Tag) aufgerollt. Bei dem mühsamen Aufrollprozess blieben die Lagen weiter innerer bzw. äußerer Wicklungen mitunter an der falschen Lage hängen (siehe Sovrapposto bzw. Sottoposto).

Arbeit in der Officina

Die aufwändige Arbeit mit der Macchina führte Piaggio bis 1781 allein mit seinem Schüler Vincenzo Merli aus, bis er sukzessive drei weitere Mitarbeiter in der Officina einlernte. Sie gestaltete sich folgendermaßen: Zunächst wurde eine Papyrusrolle für die Aufwicklung ausgewählt und gesäubert. War es unmöglich ihren Anfang zu finden, wurde sie in ihren Schrank zurückgelegt. Andernfalls wurde mit Hilfe der Macchina ein Stück einer gewissen Länge (3-4 Kolumnen) abgerollt, von der Rolle geschnitten, trocknen gelassen und auf Tafeln befestigt; Guerrieri (1954) 8. Nur beim zweiten geöffneten Papyrus PHerc.1672 konnte Piaggio 1756 nach einem erbitterten Streit mit Alessio Simmaco Mazzocchi, einem Gelehrten der Accademia Ercolanese, der u.a. die Aufrollarbeit überwachte, durchsetzen, dass er in seiner gesamten Länge (3,34 m) konserviert wurde; Bassi (1907) 649f. Die auf Tafeln befestigten Papyruspassagen wurden anschließend abgezeichnet und für ihre Publikation in Kupfer gestochen. Bis allerdings der erste Papyrus (PHerc. 1497) überhaupt entrollt war, dauerte es vier Jahre (1753-1757); Guerrieri (1954) 7. Und sogar das Zehnfache an Zeit sollte vergehen, bevor dieser Papyrus 1793 im ersten Band der Collectio Prior ediert wurde. Bis zum Tod Piaggios (1796) konnten insgesamt nur 12 Rollen geöffnet werden.

Die Mission John Hayters (1800-1806)

Vorgeschichte (1800-1802)

Als die ohnehin nur langsam voranschreitende Arbeit zusätzlich durch den Tod Piaggios (1796) ins Stocken geraten und seit den politischen Wirren der Revolution (1798-1799) komplett zum Erliegen gekommen war, bot der Prince of Wales, der spätere Georg IV von England, dem König finanzielle Unterstützung an und schickte 1800 seinen Kaplan John Hayter zur Koordination der Gelder nach Neapel; Longo Auricchio (1980) 162. Nach Übereinkunft mit Ferdinand IV, dem König von Neapel, begann im April 1800 Hayters Reise nach Italien; Longo Auricchio (1980) 162. Sein Ziel war zunächst Palermo, wohin der König zur Zeit der Revolution und politischen Wirren geflüchtet war. Auch die Papyri waren dorthin transportiert worden, um sie vor der Revolution zu schützen. Wegen der Fehlinformation, dass die Papyri bereits nach Neapel verschifft wurden, reiste Hayter von Palermo nach Portici und wieder zurück. Nach diesem problematischen Auftakt kam es zu weiteren Verzögerungen, bis im Sommer 1801 die damaligen drei Hauptangestellten der Officina, Giambattista Malesci, Gennaro Casanova und Antonio Lentari, mit den Macchinette zur Aufrollung der Papyri nach Palermo berufen wurden. Wegen erneuter Schwierigkeiten wie fehlenden Räumlichkeiten und politischen Hindernissen veranlasste schließlich William Drummond, der britische Minister, den Transport der Papyri nach Neapel.

Arbeit in Neapel (1802-1806)

Als Hayter endlich im Jahre 1802 die Arbeit beginnen konnte, waren etwa zwei Jahre seit seiner Ankunft in Italien vergangen; Longo Auricchio (1980) 163-165. Er ließ bis 1806 die Papyrusaufrollung unter der Leitung von Carlo Maria Rosini nach der Methode Piaggios fortführen. Unter Hayter brach eine Ära höchster Produktivität für die Herkulanische Papyrologie an. Mit den Fördergeldern der englischen Regierung erhöhte Hayter die Zahl der Mitarbeiter in der Officina und steigerte ihre Arbeitsmotivation und Sorgfalt maßgeblich. Beispielsweise erhielten die disegnatori für jede korrekt abgezeichnete Zeile zu ihrem normalen Gehalt einen Bonus von einem Carlino; Hayter (1811) 52f. So konnte die immense Zahl von etwa 200 Papyri durch dreizehn Angestellte mit insgesamt sieben Macchine geöffnet und abgezeichnet werden; Longo Auricchio (1980) 168 mit Anm. 30; Guerrieri (1954) 10. Doch kam die erfolgreiche Arbeit Hayters bereits 1806 schlagartig mit der Invasion der Franzosen in Neapel zum Stillstand. Hayter flüchtete mit König Ferdinand IV nach Palermo, womit seine eigentlichen Beiträge zur Herkulanischen Papyrologie enden; Longo Auricchio (1980) 169. Alle bis 1806 angefertigten Abzeichnungen (s. disegni Oxoniensi) nahm er mit nach England.